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5.0 out of 5 stars
Heidelberg-Mannheim-Maigret, March 24, 2005
This review is from: Selbs Justiz. Roman. (German Edition) (Paperback)
Nun werde ich zwar immer misstrauisch, wenn man mir einen "Krimi mit Anspruch" anbietet, denn in den meisten Fällen leidet darunter entweder der Krimi oder der Anspruch (oder beide), aber Schlink gelingt hier - zusammen mit Walter Popp - genau das, was ihm im "Vorleser" noch gründlich danebenging: Die Reflexion über die jüngste deutsche Geschichte. Dies liegt vielleicht daran, dass hier aus der Perspektive eines aktiv Beteiligten erzählt wird:
Der immerhin schon 68-jährige Privatdetektiv Gerhard Selb lässt sich auch von Rheuma und ähnlichen altersgemäßen Gebrechen nicht davon abhalten, seinen Beruf ernstzunehmen. Und während er nun im Auftrag eines großen Chemiekonzerns (BASF wird zwar nicht genannt, ist aber gemeint) nach einem Hacker fahndet, wird er immer intensiver mit seiner eigenen Vergangenheit als ehrgeiziger junger Staatsanwalt im Dritten Reich konfrontiert.
Was hier, in einem Satz zusammengefasst, gar zu konstruiert wirkt, entwickelt sich in der Romanhandlung ganz kontinuierlich, eins kommt zum andern. Die Spannung steigt allmählich aber stetig, auch wenn Selb das Tempo bestimmt, und der ist nicht mehr der Jüngste.
Dieser Krimi lebt jedoch nicht nur von seinem wichtigsten Handlungsstrang. Im Gegensatz zu vielen anderen zeitgenössischen Krimis mit starkem Lokalkolorit spielt hier das Milieu eine entscheidende Rolle, wird nicht zur schicken Zutat degradiert (wie das z.B. bei Donna Leon der Fall ist). Schlink kennt den Großraum Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg, keine Frage. Er kennt ihn so gut, dass er nicht nur mit wenigen Andeutungen eine dichte Atmosphäre schafft, wie sie für diese Region charakteristisch ist; er kennt auch die Mentalität. Figuren wie Mischkey, der Hacker mit moralischem Impetus, oder wie der Kellner Giovanni, wie Selbs Freund Philipp (schrullig genug, um nicht allzu mondän zu wirken) oder der biedere Hauptkommissar Nägelsbach sind keine Typen, die man in jede beliebige Gegend oder in jedes Milieu verpflanzen könnte. Jeder von ihnen hat Züge, wie sie für die immer ein klein wenig renitente Kurpfalz typisch sind. Und genau dies macht den Charme dieses Krimis aus, der seine Möchtegern-Konkurrenten aus Venedig und anderswo souverän hinter sich lässt. Doch bleiben diese Charakteristika klug im Hintergrund; man kann den Roman genauso gut genießen, wenn man den Menschenschlag nicht kennt oder wenn man nicht weiß, wo in Mannheim der "Suezkanal" ist und wie's weiland in der Heidelberger Frauenbuchhandlung "Xanthippe" aussah (Dass es im Wieblinger Bahnhof niemals eine Gaststätte gegeben hat, sei den Autoren hiermit allerdings freundlich mitgeteilt).
Aber nicht nur die Figuren sind unspektakulär schrullig, auch die Handlung lockert mit gut plazierten Intermezzi das schwergewichtige Thema auf. Ob's um 100.000 Rhesusäffchen auf dem Betriebsgelände geht oder um einen herrlich spitzfindigen Trick, im Restaurant feinstes Essen serviert zu bekommen, oder um den Kater Turbo, dessen Leistungen Selb den vorbildlichen Karrieren andrer Leute Nachwuchs entgegenhält - die Witze sind keine Schenkelklopfer, sondern feine kleine, mitunter melancholische Variationen über das Thema "Realität".
Schade, dass in den beiden folgenden Bänden die Handlung allzu konfus wird; Selb hätte ein würdigeres Ende verdient. Dies aber nur am Rande.
Was "Selbs Justiz" betrifft: Genug gelobt. Dieser widersprüchliche Nachfolger von Maigret und Wachtmeister Studer schafft die Synthese von Vergangenheitsbewältigung und Krimi auf seine ganz eigene Art.
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