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4.0 out of 5 stars German-language review, January 26, 2007
This review is from: Nations and Nationalism in a Global Era (Paperback)
Anthony Smith, Professor für Soziologie an der LONDON SCHOOL OF ECONOMICS, legt hier in komprimierter Form die eindrucksvolle Bilanz seiner jahrzehntelangen Studien auf dem Gebiet der historischen, vergleichenden und theoretischen Nationalismusforschung vor. Gleichzeitig ist dieses Buch Smiths wohldokumentierte Stellungnahme zu einer Reihe konkurrierender, ebenfalls prominenter Nationalismus-Interpretationen, wie zum Beispiel denjenigen von Eric Hobsbawm, Ernest Gellner und Benedict Anderson. Für Studenten dürfte diese Untersuchung nicht nur aufgrund der Vielfalt der darin vorgestellten, teilweise widersprüchlichen Erklärungsansätze von Nationalismus wertvoll sein oder aufgrund von Smiths faszinierendem Versuch, diese Widersprüche zu lösen. Seine Studie ist auch insofern ein Stück vorbildliche Sozialwissenschaft, als er, anders als einige seiner Kollegen, bemüht ist, alle seine wesentlichen Konzepte und Termini (so zum Beispiel Nation, Nationalismus, Mythos, Nationalstaat oder NATION BUILDING versus STATE BUILDING) eindeutig zu definieren und explizit voneinander abzugrenzen.

Smith scheint hier eine Mittelposition zwischen dem sogenannten Primordialismus oder Perennialismus einerseits und weitgehend instrumentalistischen oder modernisierungstheoretischen Ansätzen andererseits einzunehmen. Er zeigt, daß - obwohl Nationalität nicht angeboren ist und Nationen keineswegs seit Menschengedenken existieren - die Phänomene ETHNIE, NATION und in Ansätzen auch PROTONATIONALISMUS bereits vor der Französischen Revolution 1789 und dem Beginn der "Moderne" verbreitet waren. Der Mythos der Nation und die Ideologie des Nationalismus sind, so beweist die jüngste Proliferation von teilweise aggressiven separatistischen, irredentistischen und nativistischen Bewegungen in Nord und Süd, weit kraftvollere, anpassungsfähigere und epochenübergreifendere Ideen als von Modernisierungstheoretikern und Marxisten angenommen. Es stellt sich darüber hinaus die Frage, ob Nationalismus zur Zeit seinen Aufschwung nicht trotz, sondern gerade WEGEN der fortschreitenden Globalisierung erlebt. Nationale Zugehörigkeit, so scheint es, wird uns noch lange als zentrales Identifikationsmerkmal begleiten, und nationale Interessen werden eine wichtige Variable internationaler Politik bleiben.

Während diese und andere Argumente Smiths für die fortdauernde Relevanz des Nationskonzepts überzeugend und klar dargestellt sind, wirkt seine darauf aufbauende euroskeptische Argumentation weniger erhellend. Smith gibt dem Projekt der europäischen Vereinigung in der näheren Zukunft nur geringe Chancen, da eine primär ethnische Selbstidentifikation der Bürger Europas fortleben werde. Damit, so scheint mir, überbewertet er den singulär transzendentalen Charakter der nationalistischen Ideologie. Smith unterschätzt die Bedeutung des mythischen Kerns universalistischer, scheinbar "rationalerer" Ideologien wie Liberalismus und Sozialismus sowie deren potentielle Mobilisationskraft. Seine Skepsis gegenüber der Entwicklung eines "neuen Satzes [set] gemeinsamer [shared] europäischer Mythen, Erinnerungen, Werte und Symbole" (S. 143) ist zwar alles in allem gerechtfertigt (obwohl auch hier ein Hinweis auf das demnach paradoxe Phänomen eines erstarkenden Eurofaschismus in vielen Ländern notwendig gewesen wäre). Jedoch zeigt das Beispiel der größtenteils erfolgreichen Überbrückung ethnischer Gegensätze in den Vereinigten Staaten von Amerika, Australien und der Schweiz, daß ein liberaler, anti-askriptiver Verfassungspatriotismus in der Lage ist, ethnozentristische Gefühle und Ideen dauerhaft zu überbrücken. Warum sollte ähnliches - etwa auf der Grundlage der Europäischen Menschenrechtskonvention und ähnlicher Deklarationen und Institutionen - nicht auch im Falle Europas funktionieren?

Mich überzeugen diesbezüglich weder Smiths warnende Hinweise auf das Scheitern einer "zentralisierten Version von Föderalismus" in der Sowjetunion sowie des jugoslawischen Experiments (S. 119) noch sein Verweis auf die Erfolglosigkeit der pan-nationalistischen Bewegungen und deren angebliche Ähnlichkeit mit dem Paneuropäismus (S. 128). Diese Phänomene sind ungeeignete Vergleichsobjekte für eine Bewertung der Chancen eines möglichen europäischen Föderalstaates. Die UdSSR war DE FACTO keine Föderation, sondern ein Imperium, und zudem DE JURE undemokratisch. Auch Jugoslawien war durch eine para-imperiale Dominanz der Serben und eine Einparteienherrschaft gekennzeichnet. Man mag sogar darüber spekulieren, ob ohne den Moskauer August- Putsch von 1991 und Slobodan Milosvics Aufstieg verkleinerte Restföderationen eine Überlebenschance gehabt hätten. Bezüglich Panslawismus, -germanismus und -turkismus weist Smith selbst darauf hin, daß diese Ideen und Bewegungen von großrussischen, großdeutschen und jungtürkischen Irredentisten kompromitiert wurden (S. 119-120).

Zwar hat Smith recht, wenn er den Erfolg der multiethnischen Föderationen der USA, Australiens und der Schweiz unter anderem mit den Affinitäten zwischen den konstitutiven Volksgruppen sowie dem Übergewicht einer Ethnie erklärt (S. 119). Jedoch hat die schrittweise Aufhebung dieser Merkmale zum Beispiel im zunehmend latinisierten und asianisierten Süden und Westen der USA bisher nur geringes destruktives Potential hervorgebracht. Gründe hierfür mögen eben jener universalistische Verfassungspartriotismus, ein inklusives Staatsbürgerschaftsverständnis sowie die feste Verankerung von Konkordanz- und Subsidiaritätsregeln sein, die - so scheint Smith zu implizieren - eine zu dünne Basis für ein vereinigtes Europa bilden würden.

Trotzdem bleibt festzuhalten, daß Smiths Buch sowohl ein hervorragendes Einführungswerk zur Geschichte und Bedeutung des Nationskonzeptes und Nationalismus darstellt als auch eine erfrischend klare Stellungnahme eines (wenn nicht des) führenden Nationalismustheoretikers. Es dürfte sowohl für Studenten als auch für Spezialisten eine wertvolle Faktensammlung, Zusammenfassung der theoretische Diskussion und Anregung zu weiterer Auseinandersetzung mit den aufgeworfenen Fragen sein.
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Nations and Nationalism in a Global Era
Nations and Nationalism in a Global Era by Anthony D. Smith (Paperback - September 6, 1995)
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